„WO DIE WAHRHEIT ENDET UND DIE LÜGE BEGINNT“

Interview mit Dr. Dorothee Krings, Rheinische Post

„Ich wollte schon immer gerne Öffentlichkeit herstellen, an der öffentlichen Diskussion teilnehmen und auch etwas Eigenes dazu beitragen. Bei der Zeitung ist dieser Wunsch dann in Erfüllung gegangen. Vor allem, weil ich hier als Redakteurin im Kultur-Ressort auch mein starkes Interesse an Kunst, Theater und Musik einbringen kann.“

So schildert Dorothee Krings die Motive für die Berufswahl, zu der sie u. a. ein Studium der Journalistik und Theaterwissenschaft sowie eine anschließende Promotion über Theodor Fontane geführt haben. Schon am Ende des letzten Schuljahres lernte ich die Journalistin kennen, die bei der Rheinischen Post (RP) für Kultur-Themen zuständig ist und uns während der Medien-Epoche im Unterricht besucht hat. Bei diesem Besuch fand ein langer und angeregter Austausch mit uns Schülern statt. Das Besondere dabei: Frau Krings berichtete nicht nur über ihre Tätigkeit bei der Zeitung, sondern interessierte sich auch sehr für unsere Einstellungen zum Journalismus sowie unsere Gewohnheiten und Erfahrungen mit den Medien. Deshalb freue ich mich, dass ich im Zwiegespräch die Gelegenheit bekomme, einige Aspekte, die mich im Anschluss an den Besuch von Frau Krings besonders beschäftigt haben, zu vertiefen.

Als Journalist weiß man genau, wo man was weglässt

„Als Journalist merkt man in der Arbeit sehr genau, wo die Wahrheit endet und die Lüge beginnt“, erklärt Krings. „Auch wenn es im Journalismus natürlich keine absolute Wahrheit gibt, nur das redliche Bemühen um den Abgleich unterschiedlicher Sichtweisen. Und dieses Ziel erreicht man, indem man Recherchetechniken anwendet, z. B. die Grundregel allen journalistischen Arbeitens, mehrere Quellen zu befragen. An dieser Stelle sind wir als Journalisten in der Vergangenheit teilweise nicht gründlich genug gewesen. In der Konsequenz ging Vertrauen in den Journalismus verloren, denn die Menschen hatten das Gefühl, dass systematisch Meinungen weggelassen werden. Das ist immer schlecht. Denn als Journalist weiß man ganz genau, wo man was weglässt.“

Sensibilität entwickeln für die Quellen

Uns als Schülern und Lesern rät Krings, ebenfalls ein Gespür für Informationen und Quellen zu entwickeln und sensibel dafür zu sein, woher sie stammen. Die Schule ist für Krings dabei ein wichtiger Ort, wo ein solches Bewusstsein z. B. durch Quellenanalyse entstehen kann. „Wer sagt mir eigentlich gerade was? Wer ist die Quelle? Woher kommt sie und welche Interessen verfolgt sie möglicherweise? Das sind wichtige Fragen, mit denen man sich nicht nur beim Lesen von Zeitungen befassen sollte, denn Interessen färben das, was an Informationen bei mir ankommt. Vor diesem Hintergrund muss ich als mündiger Bürger und Leser entscheiden, ob ich mir zusätzlich auch noch andere Quellen anschaue, um herauszufinden, was andere Leute zu einem bestimmten Thema sagen.“ Demjenigen, der es wirklich ernst meint mit dem Bilden einer eigenen Meinung, empfiehlt Krings deshalb, mehrere Zeitungen zu konsultieren, mal die TAZ zu lesen und mal die Welt sowie auch kritische Vergleiche anzustellen. „Und da wird es Unterschiede geben. Schließlich nennt man Zeitungen nicht umsonst Tendenzbetriebe: Sie alle haben einen bestimmten Blick auf die Wirklichkeit und vertreten eine bestimmte Richtung.“

Print oder Online?

Weil immer mehr Menschen ihre Informationen aus dem Smartphone beziehen und der gedruckten Zeitung den Rücken kehren, will ich wissen, worin die Unterschiede zwischen Print und Online liegen: „Wie bei vielen Zeitungen gibt es auch bei der RP nicht mehr den Online- und den Print-Redakteur, sondern alle machen alles: Print und Online sind mittlerweile in der integrierten Redaktion zusammengewachsen. Aber dennoch existieren – wie wir aus der Leserforschung wissen – große Unterschiede: Alleine schon in der Haltung, mit der sie einem Medium begegnen, unterscheiden sich Onlinekonsumenten von Printlesern. Ich persönlich glaube, der große Vorteil einer gedruckten Zeitung besteht darin, dass Printjournalisten praktisch wie Kuratoren Themen des Tages auswählen, die wir für wichtig halten und dem Leser anbieten. Jemand, der eine solche Zeitung kauft, bekommt damit erst einmal ein Angebot an Themen und verschiedenen Textlängen, die er wahrnehmen kann oder auch nicht. Aber er wird auf jeden Fall konfrontiert mit Themen, die er nicht selbst gesucht hat. Anders der Onlineleser, der häufig gar nicht das konsumiert, was Tageszeitungen im Netz anbieten, sondern stattdessen über Suchmaschinen bei bestimmten Artikeln landet, die seiner Themensuche entsprechen.“

Bei einer solchen Mediennutzung – so Krings – sei jedoch Vorsicht geboten: „Es ist wichtig, Qualitätsmedien, bei denen die Informationen schon durch einen redaktionellen Filter gegangen sind, von frei flotierenden Informationen unterscheiden zu lernen, welche z. B. nur in Foren von einzelnen Menschen gepostet werden. Noch entscheidender ist vielleicht sogar das Wissen um die Funktionsweise von Suchmaschinen. Denn die Artikel werden uns nicht etwa zufällig angeboten. Unsere Suche wird durch Algorithmen gelenkt. Das müssen sich auch Journalisten, die im Netz auf denselben Pfaden unterwegs sind wie jeder andere Internetnutzer auch, immer wieder bewusst machen.“

Medienlandschaft erkunden

Doch auch über die klassischen Medien – verrät Krings – sollte man sich als mündiger Leser schlaumachen und die Medienlandschaft aufmerksam erkunden: „Wenn man genau weiß, welche Zeitung aus welchem Spektrum kommt und vielleicht auch die Geschichte der Zeitung kennt, dann kann man die Berichterstattung eines Mediums viel besser einordnen. Ganz toll wäre natürlich auch, wenn man sich mit den Konzentrationserscheinungen auf dem Medienmarkt beschäftigen würde, welche stark mit wirtschaftlichen Fragen verbunden sind: Wieso habe ich vor Ort z. B. plötzlich nur noch eine Lokalzeitung und warum steht in unterschiedlichen Lokalzeitungen das Gleiche drin?“

Dass dieses Wissen um die Bedingungen des Journalismus und um die Hintergründe journalistischer Arbeit zu wenig vorhanden ist, bemerkt Krings unter anderem auch an Leserreaktionen: „Anscheinend bewegen sich sehr viele Leute bereits vollkommen unreflektiert in ihrer Blase und reagieren deshalb auch sehr abwehrend darauf, wenn sie mit anderen Fakten konfrontiert werden.“ Das stimmt, muss ich zu meinem Erschrecken gestehen, wenn ich z. B. nur an mein eigenes Medienverhalten vor der Medienepoche denke, und weiß genau ,was Dorothee Krings meint, wenn sie sagt, dass der Unterschied zwischen Meinung und Fakt für sie etwas ist, das man sich heutzutage immer wieder klarmachen muss.

Den Horizont des Lesers erweitern

In Sätzen wie diesen spürt man nicht nur Krings‘ Leidenschaft und die Liebe zum Beruf, sondern auch das große Verantwortungsgefühl, mit dem sie ihrer Tätigkeit als Journalistin nachgeht: „Beim Verfassen von Artikeln sind wir immer gehalten, zu dem zentralen Thema zunächst einmal einen Einleitungsabsatz zu schreiben, der irgendwie ‚catchy‘ ist und den Leser zum Weiterlesen animiert. Als Zweites kommt dann der sogenannte Kontextparagraf, in dem ich das Thema für den Leser einordne. In diesem Abschnitt ist Wissen verpackt, das – wenn der Leser nicht schon vorher ausgestiegen ist – auch hängen bleibt. Dieser Wissenszuwachs ist durchaus messbar, wie man bei Jugendlichen sieht, deren Allgemeinbildung man vor und nach einer Phase regelmäßiger Zeitungslektüre untersucht hat. Vor diesem Hintergrund finde ich es wirklich toll, wenn sich das morgendliche Zeitungslesen auch in Familien etabliert und man die Zeitung seinem Kind weitergibt.“

Anstrengende Konferenzen – spannende menschliche Begegnungen

Für uns in der Klasse war es schon überraschend zu hören, wie anstrengend die Tätigkeit des Journalisten mitunter ist und wie viel Mühe aufgewandt wird, noch bevor ein einziger Artikel überhaupt geschrieben ist: „Bei uns gibt es drei Konferenzen pro Tag, die wir versuchen, so knapp wie möglich zu halten. Trotzdem sitzen wir morgens immer mindestens eine dreiviertel Stunde, mittags eine halbe Stunde und abends noch mal 30 Minuten zusammen, um über die Themen der vergangenen oder kommenden Ausgabe zu reden. Und wenn ein Thema ganz akut ist, dann diskutieren wir uns auch schon mal eine Stunde lang die Köpfe heiß. Greta Thunberg z. B. ist so ein Thema, zu dem es ganz unterschiedliche Haltungen gibt. Bei so vielen Meinungen und Menschen, die eine Zeitungsredaktion bilden, wird gerne gestritten, und das ist auch gut so. Je heterogener eine Redaktion ist – finde ich –, desto besser.“

Dass das trotzdem nicht immer ganz einfach ist, kann ich mir gut vorstellen, auch wie unangenehm eine sogenannte Blattkritik sein kann: „Wie in vielen Redaktionen ist es auch bei uns üblich, dass wir die vergangene Ausgabe in der großen Runde besprechen und Fehler dabei ganz offen benannt werden. Wir sind explizit dazu angehalten, nicht nur alles tipitopi zu finden und Kollegen zu loben, sonst kämen wir als Zeitung schließlich nicht weiter. Sie müssen wissen: Als Journalisten sind wir es gewohnt, den Finger in die Wunde zu legen. Das ist unsere Aufgabe. Vor diesem Hintergrund muss man es auch ertragen, wenn so etwas innerhalb der Redaktionskonferenz passiert. Trotzdem ist das manchmal natürlich ziemlich hart. Schließlich gibt es auch schon mal Dinge, in die man ganz viel Herzblut reingesteckt hat, die aber einfach nicht funktionieren. Und am nächsten Tag wird einem das dann gespiegelt. Die Blattkritik ist also ein ganz wichtiges Instrument zur Qualitätssicherung und inhaltlichen Reflexion, was wir auf diese Weise anwenden.“

Bei meiner Frage nach den besonders schönen Seiten des Berufs lächelt Krings nachdenklich: „Der Beruf des Journalisten hat natürlich riesen Vorteile. Man kann jederzeit jeden anrufen und um ein Interview bitten. Wenn ich über ein schwieriges Thema schreiben muss, bei dem ich mich selbst gar nicht so gut auskenne, suche ich einen Experten, z. B. einen Professor, und bitte ihn, sein Wissen, was viel größer ist als meins, mit mir zu teilen. Dann besteht meine Aufgabe im Grunde darin, dieses Wissen für den Leser verständlich aufzubereiten und zu präsentieren. Neben dieser Informationsebene gibt es natürlich auch eine persönliche Komponente. Denn als Journalistin kann ich in meinem Job ganz oft wirklich spannende und sehr schöne menschliche Begegnungen erleben.“

Das Interview führte Lilli Manner, 11. Klasse Rudolf Steiner Schule Mönchengladbach